Sächsisch schreiben, lesen und sprechen – Martin Hedrich

Mundartautorentreffen im Haus der Heimat Nürnberg

Neun Mundartautoren trafen sich auf Einladung von Doris Hutter am Vormittag des 10. April im Haus der Heimat Nürnberg zu einem mit Spannung erwarteten Seminar unter der Leitung von Hanni und Michael Markel zum Thema „Praktische Rechtschreibung des Dialekts“. Die Rechtschreibung unserer Mundart liegt diesen Autoren aus zwei Gründen ganz besonders am Herzen: einerseits streben sie das möglichst richtige Schreiben und andererseits die möglichst einfache Lesbarkeit der Texte an – zwei Anliegen, die manchmal unvereinbar sind.

Den Anwesenden lag eine knappe Zusammenstellung der wichtigsten Problemlösungen vor, die im Wesentlichen bereits 1996 beim achten Treffen der Mundartautoren in München behandelt worden waren. Doch die Referenten zogen es diesmal vor, zum Einstieg einen speziell konstruierten Text in die jeweils eigene Mundart übertragen zu lassen. Dessen schrittweise Besprechung bot Gelegenheit, Wortwahl, Ausspracheregeln, Dehnung und Kürzung, Zweifelsfälle der Schreibung durchzugehen und immer wieder auf die Ausrichtung an den Regeln des Hochdeutschen hinzuweisen. Da man etwa die Lautgruppe –chs- deutsch richtig [ks] liest, brauchen wir für Sachs, sachsesch eben keine eigene Schreibung! Oder: Den Apostroph sollten wir uns ebenfalls sparen, wo das Deutsche ohne einen solchen auskommt: änt, iwert (ins, übers). Schwieriger ist es, ohne Dehnungsstriche die mundartlich abweichende Länge/Kürze von Selbstlauten – auch mit Hilfe von Mitlauten – einleuchtend zu kennzeichnen. Dankbar nehmen wir daher die neu geregelte Schreibung von ss/ß auf, wonach letzteres nur nach langem Vokal und Zwielauten zu stehen hat: te ässt, aber: eßen (du isst, essen), Roß, Reßken (Ross, Rosse; Rösschen) usw. Ähnlich setzen wir sätzen (sitzen) von säzen (setzen, pflanzen) voneinander ab. Und schließlich musste auch diesmal die schriftliche Beachtung der gesprochenen Mundart, speziell des (im Südsiebenbürgischen) gesetzmäßigen n-Ausfalls in bestimmten Zusammenhängen eindringlich angemahnt, vor – falscher! – Überkorrektheit gewarnt werden: Härmestadt gegenüber Näpendref (Hermannstadt, Neppendorf); siwe Krueden, aber: siwen Apel (sieben Kröten, sieben Äpfel); ich hu gesähn, aber: ich hun dot (ich habe gesehen, ich habe das); also auch : Hochzet hu mer (kein –n)! Hingewiesen sei noch darauf, dass die Markels den Mundartschreibenden gern telefonisch oder schriftlich Hilfestellung anbieten.

Günther Schuster, der als Redakteur des Mediascher Infoblattes den Versuch wagt, ab und zu das sächsische Beiblatt „Der Medwescher Tramiter“ herauszugeben, wohnte dem Seminar interessiert bei. Er ist ein Beweis dafür, dass auch in den Reihen der mittleren Generation über den Gebrauch unserer Mundart nachgedacht und deren Einsatz zu bestimmten Anliegen befürwortet wird. Mit wertvollen Tipps bestückt und gestärkt durch neue Erkenntnisse gingen alle Beteiligten des Seminars dankbar in die Mittagspause. Das Haus duftete sächsisch nach gefülltem Kraut. Aufmerksam wurden die Gäste des Hauses von der in Fürth lebenden und im Haus der Heimat arbeitenden Annette Folkendt betreut, die in ihrer Kindertanzgruppe zu besonderen Anlässen (Muttertag, Roder Treffen u. a.) gerne auch sächsische Texte vortragen lässt und deshalb auch dem Seminar beigewohnt hatte. Sie steuerte auch den Strom der ersten Gäste, die recht früh kamen, um sich für die öffentliche Lesung einen guten Platz zu sichern, indem sie diesen bis zum Freiwerden des Saals die Besichtigung der Heimatstube der Siebenbürger Sachsen im Haus empfahl.

Mundartautorentreffen im HdH Nürnberg: hinten v. l.: Bruno Lindert, Hans Otto Tittes, Peter Hedwig, Oswald Kessler und Martin Hedrich; Mitte v. l.: Doris Hutter, Hilde Juchum, Johanna Gadelmaier, Richard Sonnleitner und Bernddieter Schobel; vorne von links: Simon Theil, Jürgen Lindert, Andrea Mitru, Anna Gherghel und Christine Mitru.
Foto: Georg Hutter

Währenddessen erfuhren die Mundartautoren von Vertretern des „Pegnesischen Blumenordens e.V.“ anhand eines kurzen Vortrags, dass es einen Verein mit Sitz in Nürnberg gibt, der sich seit 1644 zum Ziel gesetzt hat, „die deutsche Sprache auf der Grundlage ihres überkommenen Wesens in ihrer Eigenart und ihrer Vielfalt zu erhalten und weiterzuentwickeln“ sowie „den Reichtum der Dichtung in seinem unverzichtbaren Wert für die Kultur bewusst zu machen“ (siehe auch www.blumenorden.de). Der Vorsitzende Dr. Werner Kügel, Herr Rabe und Anke Geiger zeigten Interesse an unserer Mundart und besuchten nach gemeinsamem Kaffeetrinken (Cremeschnitten vom sächsischen Bäcker und Hanklich von Martin Hedrichs Frau) mit den Autoren und Referenten auch die öffentliche Lesung, bei der sie angeblich recht viel verstanden. Die auf dem Flur vorbei huschenden Jugendlichen, verkleidet u. a. als sächsischer Bauer, Handwerker oder Zigeuner, gaben einen Vorgeschmack auf ein abwechslungsreiches Programm für die Gäste der öffentlichen Lesung um 15.30 Uhr.

Moderiert von Doris Hutter, die einleitend feststellte, dass die Zielsetzung des Pegnesischen Blumenordens auch unseren Mundartautoren für die sächsische Mundart aus dem Herzen spricht, wobei wir meist Laien sind, die in ganz besonderem Maße auf Unterstützung von Fachleuten angewiesen sind, und somit nochmals Ehepaar Markel dankte, führten die ersten Texte in unsere alte Heimat. Denn ganz natürlich eng verbunden mit unserem Dialekt ist Siebenbürgen: Wenn wir Sächsisch schreiben, haben wir immer noch die Heimat im Herzen, vor Augen oder im Blick, auch wenn einige von uns schon über 30 Jahre in Deutschland leben.

Aus dem Gedichtband Af deser Ierd als Gast derhiem las Hutter „Kold Zegden“ von Pfarrer Wilhelm Meitert, der aus Abtsdorf bei Agnetheln stammt und in Siebenbürgen mehrere Kirchengemeinden betreut. Oswald Kessler aus Kerz lebt in München. Ihn beschäftigt u. a. die Frage, was in der Fremde heimatliche Gefühle in uns weckt. Er antwortete mit dem Text Hiemet än der Fremd. Kessler bemüht sich engagiert, in letzter Zeit auch über das Internet, um den Erhalt und die Verbreitung unserer Mundart auch hier in Deutschland, genau so wie Pfarrer a. D. Bernddieter Schobel aus Crailsheim, der sich bereit erklärt hat, unter der sprachlichen Fachbetreuung der Volkskundlerin Hanni Markel, in der Siebenbürgischen Zeitung eine Rubrik mit siebenbürgisch-sächsischen Texten zu gestalten, um dadurch das Schreiben in Mundart zu fördern und zu begleiten. Mit einem wahren Erlebnis seines Großvaters in Rätsch, „De gäldän Uhr“, führte er das Publikum nach Siebenbürgen in die Zeit vor der Deportation nach Russland.

Die schreckliche Zeit der Deportation wird heuer, 60 Jahre danach, oft aufgegriffen und macht alle, die Zeitzeugen wie auch die folgenden Generationen, betroffen. So wie in der schweren Zeit der Gesang den Gepeinigten ein wenig Trost gab, so führte auch diesmal ein Lied auf bewegende Weise in die schwere Zeit der Deportation: Ich meß ewech (Text: Grete Lienert-Zultner, Satz: Horst Gehann) wurde ansprechend im Duett von Katharina Bota aus Seiden und Georg Hutter aus Diemrich, die zum 1. Mal zusammen auftraten, vorgetragen. Katharina Bota ist geschätzte Sängerin im Singkreis Nürnberg und im Fürther Chor, Georg Hutter Tenor in mehreren einheimischen Chören sowie in der Siebenbürgischen Kantorei. Rose Schmidt aus Schweischer, wohnhaft in Althütte, hat für ihr 1995 erschienenes Buch „Das große Leid“ Deportationsberichte aus dem Lager Petrowka gesammelt. „Niu 60 Giuhren“ offenbart, dass sie das Leid nicht vergessen kann, doch sie ist bereit zu verzeihen und wünscht uns den Frieden. Ebenso Johanna Gadelmaier, die als 17-Jährige deportiert wurde. Sie lebt in Ingolstadt und las Erännerung un Russlond 1945 – 1949. Doris Hutter trug ihren Text über eine 20-jährige deportierte Agnethlerin vor: Kaputt ä Russland schildert Momente des Sich-Aufgebens, des Nicht-mehr-Könnens junger oder schwacher Menschen unter extrem harten Bedingungen. Katharina Thut aus Mardisch hat im Lager Petrowka Gedonken un de Motter (Petrowka 1946) geschrieben und Johanna Leonhardt, Urenkelin des siebenbürgischen Mundartdichters und Komponisten Georg Meyndt und in dem Haus aufgewachsen, welches Ernst Thullner in seinem Lied „Af deser Ierd“ beschrieben haben soll, drückt, früh nach Deutschland ausgesiedelt, im Gebet Himet-verdriwen ihre große Sehnsucht nach Siebenbürgen aus. Fremd zu sein hat eben viele Gesichter und birgt unterschiedliche Probleme. Im Lied „In Russland 1945-1950“ (Grete Lienert-Zultner/ Horst Gehann), gesungen von Bota/ Hutter, wird Gott um Gnade angefleht und die Wiederkehr in die Heimat beschworen.

Die gute alte Zeit! Wie gerne hören auch unsere Jugendlichen Anekdoten aus Siebenbürgen. Recht unkompliziert und originell ist es da oft zugegangen. Anna Gherghel, Bruno Lindert und Simon Theil aus der Theatergruppe „JuThe“ (Leitung Doris Hutter) spielten den Sketsch Bällich Ideen problemlos in Sächsisch. Wir waren in Siebenbürgen Meister der Improvisation und meisterten dadurch auch ein sozialistisches Schicksal! Der Humor ging uns nicht aus. Wie soll man da nicht Heimweh bekommen! Richard Sonnleitner aus Arbegen, wohnhaft in München, las Liew wiuhl, Himwih und als Abschluss, passend zum Nürnberger Wetter No dem Ren äm Guerten.

Die Jugendlichen, darunter auch Christine und Andrea Mitru sowie Jürgen Lindert, spielten noch die Sketsche Än der Apentik und Af dem Feld, wo neben dem sächsischen Bauern z.B. auch der Zigeuner Tschiripik zu Worte kam, und ernteten verdienten Applaus.

Die Lacher auf seiner Seite hatte auch Hans Otto Tittes, der erst seit 2003 in Mundart schreibt und positiv beweist, dass es sich lohnt, es auch als Rentner noch zu versuchen! Er kommt aus Heldsdorf, wohnt in Drabenderhöhe und las Bäumcher setzen – oaf sozialistesch. Peter Hedwig aus Heldsdorf/Erlangen las Det Paket vun äuwen und sprach die Überschwemmungen in Siebenbürgen sowie die dadurch ausgelöste Paketflut aus Deutschland an. Martin Hedrich aus Rode hat als Rentner in Würzburg das Internet lieben gelernt und beteiligt sich rege an dortigen Diskussionsforen. Er hat den Schriftverkehr zu diesem Treffen ausschließlich in Mundart geführt. Der Text, den er vortrug, heißt Der eisera Vaurhaung. Dass die Zeit relativ ist, hat auch Hilde Juchum aus Maldorf festgestellt. Sie lebt zur Zeit bei Neuburg und präsentierte einige aktuelle Nuancen in De Zegt.

So erlebten die Gäste des Hauses der Heimat Leid und Freud, Ernstes und Humor aus Siebenbürgen und aus dem Umfeld der in Deutschland lebenden Siebenbürger Sachsen. Ein Treffen in einem Haus gefüllt mit soviel Heimat stimmt froh und gibt Kraft für weitere siebenbürgisch-sächsische Texte. Dank geht an die Förderer der Veranstaltung, nämlich das Haus der Heimat und die Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen, Kreisgruppe Nürnberg-Fürth-Erlangen, beide bei der Lesung vertreten durch Horst Göbbel, sowie an die Organisatoren, Mitwirkenden und Helfer. Im Mittelpunkt und Anlass der Veranstaltung waren und bleiben jedoch die Mundartautoren, die durch ihr Wirken unsere Kultur bereichern und auf ihre Art ein Stück siebenbürgisch-sächsische Kultur unters Volk bringen. Ihnen gilt der größte Dank!

Hanni Markel und Doris Hutter

Siebenbürgische Zeitung Online, 15.Juni 2005

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